Montag, 16. September 2013

'BUMI MANUSIA - Garten der Menschheit' von Pramoedya Ananta Toer


NORDDEUTSCHER RUNDFUNK , Kultur aktuell

vorgestellt von Einar Schlereth
Januar 1985

Im Herbst 1984 erschien auf dem deutschen Markt 'Bumi Manusia - Garten der Menschheit', der I.Band einer Tetralogie von Pramoedya Ananta Toer - mit nur 4 Jahren Verspätung, für deutsche Verhältnisse eine sensationell kurze Zeit. Der Roman jedenfalls hat eine lange Geschichte. Seine Niederschrift wurde jahrelang verhindert, endlich erlaubt, sogar der Druck. In wenigen Monaten erscheinen 5 Auflagen, werden 60 000 Exemplare der beiden ersten Bände verkauft - bis die indonesische Staatsmacht die Bücher verbietet, 10 000 Bände konfiszieren und 1981 öffentlich verbrennen lässt.

Auf der Frankfurter Buchmesse protestieren deutsche Verleger, rücken sich vor Fernsehkameras ins Bild, doch die Romane zu drucken, fällt ihnen nicht ein. Dieses wenig lukrative Geschäft überlassen sie lieber einem Neuling, einem Mini-Verlag.

Angesichts des Verdienstes, den ersten großen indonesischen Roman eines Autors von Weltrang dem deutschen
Publikum zugänglich gemacht zu haben, sollten wir den manchmal gravierenden Mängeln der Übersetzung gegenüber nachsichtig sein.
Nur eine Anmerkung, weil sie den Titel angeht: Warum 'bumi' mit 'Garten' statt mit 'Erde' übersetzen, im Sinne von 'irdisches Universum', im Sinne auch des Autors?

Wer ist Pramoedya Ananta Toer, von den Indonesiern liebevoll Pram genannt? Er wurde am 6. Februar 1925 in Blora auf Java geboren, in einer der ärmsten Gegenden im Zentrum der Insel, Zentrum auch des Widerstandes gegen die Willkür der Herrschenden, seien es Holländer oder indonesische Generäle. Schon sein Vater war Lehrer und
Schriftsteller und Nationalist, unter den Holländern ein nicht selten todeswürdiges Verbrechen. Auch seine Bücher in javanischer Sprache waren verboten.

Pram besuchte von 1929-41 die Volks-und Mittelschule. Während der japanischen Besatzungszeit arbeitet er in einer japanischen Nachrichtenagentur und als Archivar. 1945 rufen Sukarno und Hatta die Republik aus und Pram tritt  in die Revolutionsarmee als Offizier ein. Die Indonesier befreien sich von der japanischen Militärherrschaft und müssen anschließend ihre Freiheit in erbitterten Kämpfen gegen Holländer und Engländer verteidigen, die den alten Kolonialstatus wiederherstellen wollen.

1947 wird Pram von den Holländern gefangengenommen. In fast 3-jähriger Gefängnishaft schreibt er seine ersten Novellen, in denen er seine Kriegserlebnisse in erschütternder Weise aufarbeitet.

Nach seiner Freilassung
1949 und Anerkennung der Unabhängigkeit seines Landes wird Pram Redakteur verschiedener literarischer Zeitschriften und lehrt an der Universität von Jakarta. 1955 beginnt er an einer 'Enzyklopädie indomesischer Literatur' zu arbeiten. Nebenher veröffentlicht er weitere Erzählungen und Romane über die Jahre der Besatzung und des Krieges. In ihnen nimmt die Stimmung der Bitterkeit und Enttäuschung zu, je tiefer die einstigen noblen Ziele des Befreiungskampfes im Sumpf der Bürokratie, Intrigen, Korruption und Willkür versinken.
Pram fühlt sich unverstanden, fremd und vereinsamt. Er wird pessimistisch und zynisch.

Ein Wendepunkt tritt erst 1956 nach einer Chinareise ein. Er schreibt:
"Jetzt begreife ich ganz gut, wie bedeutsam das einfache Volk bei der Bildung einer Nation ist, beim Aufbau eines Landes; nicht Geld, Gewinn und Verlust sind bedeutsam, sondern Bewußtsein und Integrität. Das demokratische,liberale System ist Indonesien zum Verhängnis geworden, die zahllosen Fehler, die gemacht wurden, verfestigen die bestehende ökonomische, politische und soziale Struktur, und es ist eine absolute Notwendigkeit, dies alles zu verändern."

Mit Begeisterung stürzt sich Pram in die Kulturpolitik und -geschichte und schließt sich der linksgerichteten Künstlerorganisation LEKRA an. Er verfaßt zahlreiche Essays, bissig und geistreich, in denen er den Kampf gegen seine westlich orientierten Kollegen aufnimmt, denen individuelle Freiheiten allmal wichtiger sind als das Wohl der Allgemeinheit. Er wettert:"Eine 'Kunst um der Kunst willen kann es in Indonesien nicht geben. Kunst muß eine Moral haben und sie muß vor allem das Volk gegen die westlichen Kultureinflüsse wappnen."

Vehement tritt er für die Rechte des kleinen Mannes ein, vor allem auch für die Rechte der Minderheiten. Eine Schrift über die 'Lage der Chinesen in Indonesien' bringt ihm 1960 prompt Verhaftung und Gefängnis ein - unter der ersten nationalen Regierung Sukarno wohlgemerkt.

1965 dann putschen die Generäle unter Führung von Suharto mit Hilfe des CIA und stellen die nationale Gallionsfigur Sukarno kalt. Unter dem Beifall der westlichen Welt werden 1 Million Kommunisten, Nationalisten und Demokraten massakriert. Westlichem Kapital und westlicher Kultur steht das Land nun wieder weit offen. Pram wird verhaftet, seine Bibliothek und seine unersetzlichen Materialsammlungen werden verbrannt. Ohne Anklage und Gerichtsverfahren wird er jahrelang in Jakarta festgehalten und schließlich ins KZ der malaria-verseuchten Insel Buru verfrachtet. Auf internationalen Druck hin durfte er dort die letzten vier Jahre schreiben, bevor er 1979 frei gelassen wurde.

Als 'Bumi Manusia' 1981 überraschend verboten und verbrannt wurde, wird Pram erneut verhaftet zusammen mit seinem Verleger Hasjim Rachman, mit dem er seit 1961 zusammenarbeitet. Pram läßt man kurz darauf wieder frei, stellt ihn jedoch unter Hausarrest, der bis heute nicht aufgehoben ist. Er lebt von der Arbeit seiner Frau und von seiner Fahrradreparatur. Das ist keine Schande für ihn, sondern für uns, die wir seine Kerkermeister mit Geld und Ehren überhäufen, weil sie unsere Rendite sichern.

Für mich ist dieser Mann ein Rätsel. Als er 1979 mit 54- Jahren aus dem KZ entlassen wird, da hat er 18 Jahre, d.h. die Hälfte seines erwachsenen Lebens, im Gefängnis verbracht, allein seiner Überzeugungen willen. Er verläßt es krank und fast blind, aber ungebrochen. Ja, nicht einmal verbittert, wovon sich jeder Leser von 'Bumi Manusia' überzeugen kann.

Hier erzählt ein Mensch, der viel gesehen und gelitten hat mit sanfter und eindringlicher Stimme. Er läßt den unerschöpflichen Quell seiner Erzählung aus den Tiefen seines Inneren sprudeln, das aus Granit besteht, aus seiner felsenfesten Überzeugung von der Würde des Menschen, der sich sein Haus, seine Erde erste noch schaffen muß.

Der Roman beginnt 1898, während in Europas Straßencafés die 'Schöne blaue Donau' erklingt, in den Theatern Ibsens 'Wildente' für Skandale sorgt, ein unbekannter spanischer Maler namens Picasso seine ersten Bilder ausstellt, die Engländer bei Khartum am Nil ihre dritte vernichtende Niederlage gegen eine farbige Nation einstecken müssen, die Amerikaner die Philippinen blutig unterwerfen, Marconi erstmals drahtlos telegraphiert, Sachs gemeinsam mit einem meiner Großonkel den Freilauf konstruiert.

Die Story des 400-Seiten-Romans ist schnell erzählt: Minke, die Hauptperson aus adligem Geschlecht, darf wegen außerordentlicher Leistungen als einziger Einheimischer die Holländische Oberrealschule in Surabaja besuchen. Hier eröffnet sich ihm eine neue Welt, die westliche Welt mit ihrem damals noch ungetrübten Glauben an den Fortschritt von Technik, Medizin, Wissenschaft.

Aber auch die Welt der Literatur und Kunst, des Geistes, des Humanismus. Diese vor allem fesselt den jungen Minke. Die neuen humanistischen Gedanken erscheinen ihm als das geeignete Werkzeug, nicht nur die traditionelle javanische feudale Gesellschaft aus den Angeln zu heben, sondern überhaupt die Befreiung aller Menschen dieser Welt zu bewirken. Durch vereinzelte Kontakte zu Weißen wird er mit fortschrittlichem westlichen Gedankengut konfrontiert, mit Douwes Dekker's ’Multatuli' und den radikalen Ideen der 'Ostindien den Ostindern' -Bewegung.

Den nachhaltigsten Einfluß übt aber eine Frau auf ihn aus, die quasi all diese Ideen verkörpert und weitgehend in die Praxis umgesetzt hat. Es ist Nyai Ontosoroh, die als Kind von einem reichen Holländer als Konkubine gekauft wurde und daraufhin nie mehr ein Wort mit ihren Eltern gewechselt hat. Sie läßt sich nie anders als nyai=Konkubine anreden, um der Gesellschaft ihr Verbrechen gleichsam immer aufs neue vor Augen zu führen.

Sie hat sich autodidaktisch zu einer selbstbewußten, emanzipierten, allseitig gebildeten Frau entwickelt, die sogar den großen Betrieb des Holländers, als dieser zunehmend geistiger Umnachtung
verfällt, fortführt. Minke, der sich erfolgreich schriftstellerisch betätigt, wird eines Tages ihr und ihrer
schönen Tochter Annelies vorgestellt, die zu Minke sogleich eine tiefe Neigung faßt.

Minke schafft das Abitur als zweitbester ganz Indonesiens - Bester mußte natürlich ein Weißer sein. Danach heiratet er Annelies nach islamischem Recht. Doch zum happyend kommt es nicht. Denn inzwischen hat der erstgeborene Sohn von Annelies Vater, aus dessen erster Ehe in Holland, gerichtlichen Anspruch auf sein Erbe erhoben. Der größte Teil wird ihm zugesprochen sowie die Vormundschaft über seine Halbgeschwister Annelies und Robert. Folglich sollen sie nach Holland überstellt werden.

Und dieser Gerichtsbeschluß wird brutal durchgesetzt, obwohl sich Minke und Nyai publizistisch und vor Gericht verzweifelt wehren. Doch beide sind nur 'Eingeborene', deren Ehre und Rechte mit Füßen getreten werden können. Nyai hat keinerlei Mutterrechte, Minke existiert nicht als Ehemann, da seine Ehe vor dem weißen Gesetz nicht gilt und Annelies nach weißem Recht noch minderjährig ist. Alle Appelle an das Gewissen, die Kultur, den Humanismus der Weißen verhallen ungehört.

In der ergreifenden Schlußszene, bevor Annelies gewaltsam auf das Schiff und aus ihrem eigenen Land entführt wird, nimmt sie Abschied für immer. Gleich ihrer Mutter wird sie nie wieder zurückkehren.

Diese großartigen Frauen Pram's und ihr unbändiger Stolz, die lieber zerbrechen als ein Unrecht hinzunehmen. Denn die kindlich-zarte Annelies hat Recht. Sie wurde verlassen- von ihrer Mutter und von ihrem Mann. An den wirklichen Kampf, den Kampf mit der Waffe, haben beide noch nicht zu denken gewagt, im Gegensatz zum Volk, das einen verzweifelten, aber hoffnungslosen Versuch zu ihrer Rettung unternimmt.

Vorerst noch drücken Minke's Worte nur Hilflosigkeit und

tiefe Zweifel am westlichen Weltbild aus:
"Mutter, dein Sohn hat verloren. Er ist nicht weggerannt, Mutter, er ist kein Krimineller, obschon es ihm nicht gelungen ist, seine Frau, deine Schwiegertochter zu verteidigen. So schwach ist also ein Pribumi (ein Eingeborener) den Europäern gegenüber? Europäer! Ihr, meine Lehrer, derart sind also eure Taten? So, daß selbst meine Frau, die nicht viel über euch weiß, allen Glauben an ihre eigene kleine Welt verlor, eine Welt, die nicht einmal ihr Sicherheit geben kann."
Auch die letzten Worte der Nyai sind nur ein schwacher Trost:
"Wir haben uns gewehrt, so gut und so ehrenhaft wir konnten." Pram's Erzählung ist ein Entwicklungsroman, geradlinig, ohne formalistische Experimente. Er kommt mit einem Minimum an Vor- und Rückblenden und inneren Monologen aus. Schließlich hatte er die Story, aus Angst, sie eventuell mit ins Grab nehmen zu müssen, im KZ zuerst seinen Mitgefangenen erzählt, unter denen viele Analphabeten waren.

Dafür sind seine Charaktere mit außerordentlichem Feingefühl gezeichnet. Und er wird sogar den Holländern gerecht, die Elend, Rassismus und Haß über sein Land gebracht haben. Auch wenn wir viel aus dem Buch lermen, tiefe Einblicke in javanisches Leben und kolonialistischen Alltag gewinnen können, so ist doch das wichtigste Anliegen von Pramoedya Ananta Toer, die eigenen Landsleute Geschichte verstehen zu lehren, sie von der Wahrheit des Satzes zu überzeugen, der gleich zu Anfang des Romans zu finden ist:
"Wie herrlich war doch das Leben, wenn man nicht vor anderen Leuten zu kriechen hatte."

Digitalisiert und damit zugänglich 
gemacht am 16. September 2013. 

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