Donnerstag, 13. Februar 2014

CANADA NORTH NOW - THE GREAT BETRAYAL Kanadas Norden jetzt - Der große Verrat


Diese Sendung lief im Sender Radio Bremen 1989 zur Zeit meines Freundes, des liebenswerten Dr. Bastian. Und das ist 25 Jahre her. Dieses Buch von Farley Mowat ist noch viel älter - es erschien erstmals 1967 und als Taschenbuch 1976 mit ganz wundervollen Fotos von Shin Sugino. Und zu meiner Freude sehe ich gerade, dass dieser wunderbare Mensch immer noch lebt und sehr munter aussieht mit seinen 92 Jahren . Er hat Dutzende von Büchern geschrieben, die in 52 Sprachen übersetzt worden sind. Mehr über sein abenteuerliches Leben könnt ihr hier auf Wikipedia erfahren. Er ist sehr aktiv in Kanadas Partei der Grünen, die noch nicht so heruntergekommen zu sein scheint wie bei uns. Das Faszinierende ist, dass dieses Buch nichts von seiner Frische und - vor allem - seiner Aktualität verloren hat. Das Traurige ist, dass alles noch viel schlimmer geworden ist. Ich möchte nicht wissen, was er zu dem Fracking zu sagen hat. Mal sehen, ob ich dazu etwas finde.


Radio Bremen 1989

Farley Mowat CANADA NORTH NOW - THE GREAT BETRAYAL

Kanadas Norden jetzt - Der große Verrat

Einar Schlereth


Nach, dreiwöchigem Kanada-Aufenthalt, hei dem ich einen kleinen Ausschnitt der Provinz Ontario - allein vier mal so groß wie die Bundesrepublik - gesehen hatte, werfe ich einen sehnsüchtigen Blick auf die Karte, dorthin, wo Kanada eigentlich erst anfängt, auf den Norden. Zum Trost drückt mir meine Schwester ein Buch in die Hand: 'Canada North Now' von Farley Mowat. Noch im Flugzeug fange ich zu lesen an. Die suggestive Kraft der Bilder und Beschreibungen nimmt mich sofort gefangen und ich bekomme gute Lust, auf der Stelle umzukehren.

Hier versuche ich das Buch auf deutsch als Geschenk zu erhalten. Ich finde heraus, daß von Mowats dutzenden Büchern seit 1948 immerhin 13 auf deutsch erschienen sind. Darunter sein erstes erschütterndes Buch 'Gefährten der Rentiere', das den langsamen Untergang eines kleinen Eskimo-Volkes dokumentiert. Aber - wie ich befürchtet hatte - gehört 'Canada North Now' nicht zu den übersetzten Werken. Seine Verleger hier mögen nicht mit der Ausrede kommen, es handle sich um ein kanadisches Problem.


Dann ist der Amazonas und seine Wälder ein brasilianisches Problem, die Fünf Seen an der US-kanadischen Grenze ein US-kanadisches Problem und Tschernobyl ein russisches Problem. Wir sollten doch langsam einsehen, daß die Zerstörung großer Öko- Systeme kein nationales Problem mehr ist.

In 'Canada North Now' räumt Mowat mit einer Reihe irriger Vorstellungen auf, die heute noch zur Vorstellung der meisten Kanadier und Amerikaner gehört: daß der kanadische Norden ein menschenleerer, öder, endloser, finsterer Raum unter Schnee und Eis sei, wofür Begriffe wie 'weiße Hölle', 'arktische Wüste' oder 'das Land, das Gott Kain gab' herhalten müssen.

Mowats Reise beginnt im äußersten Nordosten des amerikanischen Kontinents. Er beschreibt die gewaltige Gebirgskette, die sich parallell zu Grönland bis ins arktische Eis hinaufzieht mit ihren 3000 m hohen Gipfeln, den längsten Fjorden und größten Urgletschern der Welt; das Tongat-Gebirge, das vor 1000 Jahren von dem Norweger Erik dem Roten umsegelt wurde, das mancherorts mit seinen Felswänden 1000 m aus dem sturmgepeitschten Meer aufragt und die geschützten Täler auf Baffin Island, wo heute wieder Moschusochsen weiden, nachdem endlich ein Gesetz zu ihrem Schutz geschaffen wurde.

Die Reise führt in westlicher Richtung zur Hudson Bay, die eigentlich ein Inlandmeer wie das Mittelmeer ist und nur geringfügig kleiner als dieses. Es wird von Kanada allerdings nicht als solches genutzt, obwohl der kürzeste Seeweg nach Liverpool der von Churchill aus an der Westküste der Hudson Bay ist. Dieses kanadische Mittelmeer ist von endlosen Ebenen mit ungezählten Seen umgeben, dem Kanadischen Schild, ein Ergebnis der letzten Eiszeit, in der der zentrale Teil Kanadas von gigantischen Eismassen plattgewalzt und abgeschmirgelt wurde. Hier gehen die bewaldete Taiga und die Tundra ineinander über. Sie sind nirgends eindeutig voneinander getrennt, wie überhaupt die Baumgrenze fiktiv ist. Sie verläuft mal 1000 km nördlich oder südlich.

Weiter westlich dann beginnt das gewaltige Entwässerungssystem des Mackenzie-Flusses, nach dem Mississippi der zweitlängste Fluß Nordamerikas, der sich nach fast 4000 km in das Nordmeer ergießt. Und zuletzt zeichnet Mowat ein eindrucksvolles Gemälde von einem der größten Hochplateaus der Welt, zwischen Mackenzie und der Grenze zu Alaska. Es ist nicht viel kleiner als Tibet und ebenso wie dieses von gewaltigen Bergen umgeben, die stellenweise fast 7000 m hoch sind. Dieses Hochplateau wurde in der Eiszeit nicht unter Gletschern begraben, weshalb sich dort Tier-und Pflanzenarten erhielten, die anderswo längst verschwunden sind.

Aber Mowat schildert nicht nur die Natur mit ihren extremen Landschaften, ihrer ungeheuren Vielfalt an Flora und Fauna, sondern vor allem auch die Menschen dieses Landes, um den Mythos von der Menschenleere zu entkräften, ein Argument, das ja auch von Südafrika benutzt wird, um seinen Kolonialismus zu rechtfertigen.

Seit mindestens 10 000 Jahren wird der Norden von Indianern und Inuit oder Eskimos, wie wir fälschlicherweise sagen, besiedelt und seit ein paar Jahrhunderten auch von den Metis - einer Mischrasse aus Indianern und Franzosen. Einige Inuit- Völker sind erst vor 70 Jahren überhaupt entdeckt worden. Mowat, der selbst viele Jahre unter den Inuit gelebt hat, nennt sie "die vielleicht härteste, ausdauerndste und anpassungsfähigste Rasse der Menschheit". Umso erschütternder ist die Auflistung dessen, was die Weißen in wenigen Jahrhunderten mit diesen zutiefst humanen, friedfertigen Völkern gemacht haben. Es ist die übliche Story von Verfolgung, Ausbeutung, Erniedrigung, Beraubung ihrer Lebensgrundlagen und damit ihrer Kultur. Alkoholismus, Drogen, Prostituion erledigen dann den Rest.

Doch in den vergangenen 10-15 Jahren hat sich etwas geändert. Die Inuit, die  Indianer und Metis haben sich organisiert. Aus ihren eigenen Reihen sind fähige Führer hervorgegangen und sie konnten kompetente weiße Freunde für ihre Sache gewinnen. Sie wehren sich jetzt mit Macht gegen den Ausverkauf des Nordens an die USA. Denn nach den Walfisch- und Robbenfängern, nach den Trappern und Goldsuchern hat seit 20 Jahren eine Invasion begonnen, die, wie Mowat schreibt, "tödlich ist: die der Multis, die keiner Nation verpflichtet sind und deren weltweite Imperien auf der Ausbeutung der Rohstoffe von Klientenstaaten beruhen".

Und Mowat weist detailliert nach, wie Kanada schon unter Premier Trudeau - und natürlich erst recht unter dem Reagan-Freund Mulroney - zu einem Marionettenstaat der amerikanischen und sonstigen Multis geworden ist, zu denen auch z.B. die Deutsche Urangellschaft, die Metallgesellschaft und Krupp gehören. Die ungeheuren Reichtümer im Norden an Erdgas, Erdöl, Uran, Zink, Blei, Kohle, Eisen wurden für lachhafte Summen verschenkt. Nicht nur das, sondern Kanada zahlt noch drauf, indem es sich verpflichtete, Straßen-, Schiffahrts- und Eisenbahnwege zum besseren Abtransport der Milliardenwerte zu schaffen.

Aber dies ist nur die eine Seite der Medaille. Viel gravierender ist, daß in menschenverachtender und gnadenloser Weise gegen die dort lebenden Indianer und Inuit vorgegangen wird, weil sie dem Fortschritt im Wege stehen. Und sie stehen ihm deshalb im Wege, weil sie nicht wollen, daß die letzten Reste ihres Lebensraumes zerstört werden. Es ist allgemein bekannt, daß das arktische Biotop sehr empfindlich auf menschliche Eingriffe reagiert. Schon ein Fußabdruck im Moos bleibt jahrelang sichtbar. Die gewaltigen Maschinen, mit denen prospektiert, gebohrt und Pipelines auf Permafrostböden gelegt werden, haben tatsächlich aus weiten Landstrichen 'Wüsten' gemacht, was es vorher nicht gab. Es ist außerdem bekannt, daß Öl sich nur langsam zersetzt und umso langsamer, je niedriger die Temperaturen sind. Bei den Ölbohrungen wird bewußt das Risiko eines blowout in Kauf genommen, bei dem der Fischreichtum und die Nistplätze zahlloser seltener Vogelarten vernichtet würden und zwar auf Jahrhunderte. Auch Robben und Eisbären würden eine solche atastrophe nicht überleben.

Sowohl von Indianern und Inuit als auch von zahlreichen Umweltschützern und Experten sind immer wieder vernünftige und machbare Alternativen angeboten worden, die zum Wohle aller Beteiligten wären, die vor allem aber den einheimischen Völkern auf ihrem angestammten Boden ein würdiges Leben sichern würden, aber aus kurzsichtigsten Profitinteressen wurden alle diese Vorschläge vom Tisch gewischt.

Mowat weist nach, daß das kanadische Volk seit Jahrzehnten von den internationalen Multis böswillig und bewußt belogen wird und die kanadische Regierung ein übles Doppelspiel betreibt, was Mowat "den großen Verrat" nennt. Ein Verrat am kanadischen Volk, an den Indianern und Inuit und letztlich an der gesamten Menschheit.

Wer glaubt, daß das über 10 Jahre alte Buch von Earley Mowat an Aktualität eingebüßt habe, der braucht nur die neuesten Berichte der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sich ansehen, um die von Mowat angegebenen Entwicklungen voll bestätigt zu finden. Sein Ausruf am Ende seines Buches gilt noch immer:

Oh Canada! Who Stands on guard for thee?


0 Kanada! Wer wird dich beschützen?

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