Donnerstag, 13. Februar 2014

FRAUEN UND EHE IN TANSANIA

Diese Sendung ist noch älter als die vorhergehende 'Canada North Now', nämlich von 1985. Ich hatte ja, als wir nach Tansania fuhren, zwei Verlagsverträge und zwei kleine Vorschüsse in der Tasche. Als wir 1981 nach 2 Jahren zurückkehrten, landeten wir mitten der großen Rezession und ich konnte die Verträge in den Papierkorb werfen. Ich stellte aus beiden Büchern 'Tansania - Menschen - Geschichte - Kultur' und 'Frauen in Tansania' ein Buch zusammen, was bedeutete, dass die andere Hälfte niemals das Licht des Tages erblickte. Einige Aspekte aus dem 2. Buch verwendete ich für diesen Rundfunk-Beitrag, den ich nach wie vor für gültig ansehe.
 

NORDDEUTSCHER RUNDFUNK, NDR 2, Familienredaktion

FRAUEN UND EHE IN TANSANIA

von Einar Schlereth

Für einen Mann ist es ein gewagtes Unternehmen, über Frauen in Tansania zu schreiben. Es wurde allein dadurch ermöglicht, dass ich mich in Begleitung meiner Lebensgefährtin Linda und unserer Tochter Solveig befand. Nur durch sie kam es zu den intensiven Kontakten mit alten Frauen, Mädchen und Ehefrauen in all den Dörfern, in denen wir zwischen 1979 und ’81 durchschnittlich drei Honate lang wohnten. Wäre ich allein gewesen, hätten die Kontakte einen anderen Charakter gehabt, doch nicht ganz so, wie sie die meisten Entwicklungshelfer pflegen.

Aber dies ist nicht die einzige Schwierigkeit. Tansania ist ein riesiges Land, ca. viermal so groß wie die Bundesrepublik, das aber nur ein Drittel von deren Bevölkerung aufweist. Diese 20 Millionen Bewohner gliedern sich in 127 nach Sprache, Sitten und Herkunft unterschiedene Völker. Ebenso extrem, sind Landschaft und Klima:

Von den Schneefeldern des Kilimanjaro bis zu den subtropischen Niederungen am Indischen Ozean, von den wüstenähnlichen Gebieten nordwestlich von Arusha bis zu den endlosen Sümpfen im Südosten, von den Masai-Steppen bis zu den gemäßigten Mittelgebirgszonen. Diese so verschiedenen klimatischen und geographischen Bedingungen haben die unterschiedlichsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systeme hervorgebracht.

Die Masai-Geseilschaft basiert atf Viehwirtschaft, die Washambaa in den Usambara-Bergen haben den bewässerten Gartenbau zu hoher Entwicklung gebracht, während in Feucht-und Trockensavannen extensive Landwirtschaft betrieben wird.

Durch den Kolonialismus - bis 1913 war Tansania Teil von Deutsch-Ostafrika, danach wurde es bis 1961 englisches Protektorat - wurden diese Gesellschaftsformen teilweise verstümmelt oder zerstört.

Doch die einschneidendste Umwandlung fand 7 Jahre nach der Unabhängigkeit statt, als Nyerere, erster Ministerpräsident Tansanias, mit dem Aufbau des Ujamaa-Sozialismus begann.

Durch den Rückgriff auf alt-afrikanische Formen gemeinschaftlicher Produktion versuchte Nyerere mehrere Probleme auf einmal zu lösen: Die Zusammenfassung der zerstreut lebenden Bevölkerung in Dörfern sollte den Aufbau einer verkehrstechnischen, sozialen und gesellschaftlichen Infrastruktur erleichtern. Das neue Dorf sollte zu einer Produktionsgrundeinheit werden durch gemeinschaftliche Bestellung der Felder, gemeinsame Viehhaltung und die Einrichtung von Handwerksbetrieben und Läden auf genossenschaftlicher Basis. Formal ist die Errichtung der Ujamaa-Dörfer landesweit abgeschlossen. Ein Großteil der Dörfer ist mit dem Straßennetz verbunden, die meisten Dörfer besitzen Schulen und Krankenstationen. Doch darin erschöpft sich bereits der Ujamaa-Sozialismus. Die Gemeinschaftsfelder und kooperativen Läden sind verwahrlost. Eine arrogante, korrupte und unfähige Bürokratie lähmt jede Initiative des Volkes. Nur 15 Jahre nach der Propagierung des Ujamaa-Sozialismus ist Nyerere in jeder Hinsicht gescheitert.

All dies macht es schwer, mit Verallgemeinerungen zu arbeiten.Ich habe deshalb weitgehend darauf verzichtet und lasse unsere persönlichen Beobachtungen für sich sprechen.

Frauen bei Seegrasernten auf Sansibar
Ganz allgemein, machten wir die gleiche Erfahrung, die die schwedische Journalisten Signe Höjer in ihrem Buch 'Frauenmacht-Geschlechterrollen in den Tropen' beschreibt:

„dass die europäische Auffassung von den Frauen in den meisten der sogenannten unterentwickelten Länder als unterdrückt, geknechtet und zurückgeblieben völlig falsch ist. Diese Auffassung haben wir von Kolonialadministratoren und Missionaren erhalten."

Ihren Zusatz aber, "daß dies im gewissen Sinne auf rein mohammedanische Gebiete zutreffe", fanden wir auf Sansibar mit seiner rein islamischen Bevölkerung nicht bestätigt.

Drei Honate lang lebten wir in dem Fischer-Bauern-Dorf Chwaka an der Ostküste der Insel. Anfangs schien alles ins Bild zu passen; in den Teestuben waren die Männer unter sich, die politischen Versammlungen waren Männersache und auch die Moscheen wurden fast ausschließlich von Männern besucht, fünfmal an Tag mit peinlicher Genauigkeit. Doch allmählich entdeckten wir, daß Männer und Frauen in ihren eigenen Sphären lebten, die sich formal kaum berührten, aber inhaltlich sich nur geringfügig unterschieden. Innerhalb ihrer Sphären handelten beide eigenverantwortlich, selbstbewußt und ökonomisch voneinander unabhängig.

Die Frauen fuhren alleine zum Fang von Krebsen, Seegurken und Muscheln hinaus, in einem Nachbardorf jagten sie sogar die gefährlichen Muränen mit Harpunen; sie arbeiteten alleine auf ihren eigenen oder den Familienfeldern, die häufig so weit entfernt liegen, daß sie mit Bus und zu Fuß für den Hin-und Rückweg mehrere Stunden brauchten; sie fahren alleine in die Stadt, um ihre Landwirtschaftsprodukte und Heimarbeiten - Stickereien, Nähereien oder Kokosschnüre - zu verkaufen; sie unternahmen häufig längere Reisen, um Eltern oder Verwandte zu besuchen, auf denen sie nur die Allerkleinsten mitnahmen, während sich der Ehemann um die älteren Kinder, die Küche und die Wäsche kümmern musste. Auch in unserem Haus, das außerhalb des Dorfes lag, besuchten uns viele Frauen und brachten Geschenke mit, ohne deswegen den Ehemann um Erlaubnis zu bitten.

Völlig aus dem Konzept gerieten wir, als wir herausfanden, dass es in jenem Dorf von ca. 1000 Bewohnern etwa 20 -30 Frauen gab, die, von ihren Männern geschieden, bewusst allein lebten. Eine von ihnen, Asha, lernten wir näher kennen. Diese schlanke, stolze Frau, die ihr Silberblick immer traurig erscheinen ließ, schilderte uns ihre Beweggründe:

"Ich will nie wieder mit einem Mann zusammenleben. Zweimal war ich verheiratet. Und was hat man davon? Ärger, Schläge und böse Worte. Das Gold goben sie für Trihkon aus und für andere Frauen. Aber du darfst das Haus nur zur Arbeit verlassen. Wenn das Essen nicht fertig ist, dann schlagen sie dich. Wenn du nur mal eine Freundin besuchst, dann schlagen sie dich. Und immer Zank und Geschrei und die bösen Worte. Ich konnte die bösen Worte nicht mehr hören.

Jetzt geht es mir viel besser. Ich habe mein Feld und mein Haus. Meine Kinder verkaufen jeden Tag gebackenen Fisch auf dem Markt, den ich vormittags zubereite. Manchmal kommt mich ein Mann besuchen und er bringt ein Geschenk mit und dann geht er wieder. Das ist viel schöner als vorher.”

Gewiß gab es einige Frauen – mit Männern sprachen wir nicht darüber - die die Alleinstehenden als 'schlechte Frauen’ bezeichneten, aber eine regelmechte Diskriminierung gab es nicht. Ich glaube kaum, dass bei uns Emanzipation und Toleranz in irgendeinem Dorf so weit gehen würden.

Die Neigung der Frauen, aus der Ehe auszusteigen und alleine zu leben, fanden wir in ganz Tansania, besonders in christlichen Gebieten. In Ndanda, einer Benediktiner-Mission im Süden des Landes, klagten die Padres, daß bei Mädchen und jungen Männern sogar die Tendenz zunehme, gar nicht erst zu heiraten.

Häufig konnten wir beobachten, daß die moslemische Vielehe harmonisch war, wenn die verschiedenen Frauen ihre eigenen Häuser und Felder hatten. Die Besuche den Mannes werden zeitlich genau festgelegt - bei jeder Frau bleibt er turnusmäßig 3 oder 4 Tage - und er ist dann quasi Gast der Frau, der er immer ein, wenn auch noch so kleines Geschenk mitbringen muss.

Das Zusammenleben klappte meist dann nicht, wenn die Ehefrauen mit dem Mann alle unter einen Dach zusammenleben müssen. Dann kommt es zu Streiterein und sogar zu schweren Auseinandersetzungen. Ihre Ursache ist häufig Eifersucht, die manchmal Frauen sogar zum Selbstmord treibt, wie es während unseres Besuches in Rujewa geschah.

In jenem Dorf im Westen Tansanias, inmitten einer endlosen Flussebene, erlebten wir auch das andere Extrem. Wir wohnten zur Untermiete bei einer afrikanischen Familie. Ramadhan führte mit einem uralten Lastwagen Transporte durch und besass daher ausreichend Geld, um seine Felder maschinell bestellen zu können; deshalb brauchte seine 18-jährige Frau Sauda nicht dort zu arbeiten. Sie war mürrisch, lieblos, faul und streitsüchtig, worunter am meisten die Kinder zu leiden hatte, ihre eigenen und besonders die Pflegekinder, die praktisch den ganzen Haushalt erledigten.

Doch 14 Tage nach unserem Einzug geschah ein Wunder. Baliati, die erste und wesentlich ältere Frau Ramadhans kam von ihrer Familie zurück und Sauda war unter ihrem gütigen und mütterlichen Einfluss wie umgewandelt. Den ganzen Tag redeten und lachten die beiden Frauen miteinander und die Arbeit ging ihnen wie von selbst von der Hand. Wir hatten auch den Eindruck, dass Ramadhan sich beim Trinken zurückhielt und nicht mehr ständig fremden Frauen hinterherjagte. Eine solche Idylle dürfte aber die Ausnahme sein.

Es ist relativ einfach, gegen die Vielehe zu polemisieren, aber schwierig, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Vor allem kann in einem Staat wie Tansania, in dem einheimische, moslemische und christliche Religionen ein empfindliches Gleichgewicht halten, ein Angriff auf die Polygamie leicht als Begünstigung der christlichen, d.h. eben einer westlichen Religion verstanden werden.

Außerdem hat die Monogamie für die Frauen oft schwerwiegende Folgen; die englische Anthropologin Julia Ballot nennt einige:
“Die heutige Entwicklung zur Monogamie – vor allem in den Städten – bedeutet in Afrika eine ökonomische und emotionale Abhängigkeit der Frauen von ihren Ehemännern und vor allem eine Arbeits- und Gesundheitsbelastung durch mehr Kinder. Da diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist, sollten den Frauen heute durch vernünftige Geburtenkontrolle die Möglichkeit gegeben werden zu entscheiden, wann und wieviele Kinder sie bekommen wollen.“

Ich möchte keine Missverständnisse aufkommen lassen und daher ausdrücklich die gerade erschienenen Ergebnisse der Internationalen Arbeitsorganisation - ILO - bestätigen. Die Frauen in der Dritten Welt leisten nach wie vor Schwerstarbeit. „In vielen Ländern tragen die Frauen den größten Teil zum Unterhalt der Familie bei, so in Lesotho und Kenia durchschnittlich 75 Prozent."

Aber auf Grund unserer Beobachtungen möchte ich behaupten, dass die Frauen in Tansania, vielleicht gerade weil sie so einen wesentlichen Beitrag zur Produktion leisten, freier und ungezwungener sind als die durchschnittliche deutsche Ehefrau, deren Fixpunkt im Weltall der Ehemann ist.

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