Donnerstag, 19. Juni 2014

DIE MOHAWKS - AUF DEM KRIEGSPFAD GEGEN REYNOLDS & CO

Vor genau 25 Jahren wurde dieser Text gesendet, aber die Reise machte ich 1988 im Sommer.  Ich besuchte meine Schwester in Toronto, danach reiste ich mit einem Greyhound-Bus nach Cornwall, um die Mohawks zu besuchen und anschließend fuhr ich quer durch Vermont - ebenfalls per Bus - nach New York, um meine Tochter zu besuchen, die wie alle kids unbedingt nach dem Abitur in die USA wollte. 
Ihr werdet merken, dass es damals, trotz aller Unterdrückung und Missachtung von Mensch und Natur doch noch so etwas wie Optimismus und Zuversicht in die Zukunft gab.  Und das sogar unter diesen wunderbaren Menschen, den Mohawks, die ich auf Einladung besuchte, um diese Sendung als Unterstützung in ihrem Kampf gegen die Obrigkeit und die verbrecherischen Industrie-Giganten zu schreiben. Aber schon damals pfiff sowohl die Regierung Kanadas wie der USA und Reynolds auf Recht und Gesetz. Reynolds verlor den Prozess gegen die Mohawks und wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Aber Reynolds dachte nicht im Traum daran zu bezahlen und die US-Exekutive nicht, sie dazu zu zwingen. Und genau diese Politik ist  heute in allen Bereichen durchgesetzt wurden.
Gleichwohl wird die Fackel der Hoffnung immer wieder aufgehoben und weitergereicht - von Generation zu Generation.

Radio Bremen
gesendet am 22.Januar 1989

DIE MOHAWKS - AUF DEM KRIEGSPFAD GEGEN REYNOLDS & CO

Einar Schlereth


In Cornwall an der kanadischen Grenze, kurz vor Montréal, stieg ich aus dem Taxi, überquerte zu Fuß auf der hochgespannten Brücke den mächtigen Lorenzstrom und gelangte NICHT in die USA, sondern in das Gebiet der Mohawk-Nation, wie mich ein riesiges Schild belehrte. Zu schön, um wahr zu sein. An der einsam gelegenen Grenzstation nahmen nicht indianische, sondern amerikanische Beamte meine Papiere in Empfang.
Der Zoll-Chef, der mich freundlicherweise in das nahegelegene Mohawk-Reservat weiterbeförderte, gab mir eindringlich den Rat mit auf den Weg: Ich solle mich vor den 'traditionalists' den den traditonalistischen Indianern hüten, mich lieber an die ‘modernen’ Indianer halten, deren Häuser genauso tadellos und proper seien wie die amerikanischen. Gewiß meinte er es gut, aber deswegen wird es nicht richtiger. Er gab dem typisch amerikanischen Standpunkt Ausdruck und umriß einen zentralen Konflikt innerhalb der Mohawk-Nation.

Hier ist auch die Brücke von Cornwall nach Akwesasne zu sehen.

Schon vor Ankunft der Weißen gehörten die Mohawk zu dem Irokesen-Bund, der anfangs aus fünf, später aus sechs Völkern bestand und im 15.Jahrhundert gegründet worden war. Einige der demokratischen Prinzipien des Bundes der Irokesen-Sprachfamilie betrachteten sogar die Weißen als vorbildlich. Tom Porter, der demokratisch gewählte Longhouse-Chief und Mohawk-Sprecher, dessen Gast ich für zwei Tage war, erklärt in dem von der Cornell-Universität herausgegebenen Buch 'Indian Roots of American Democracy':

Tom Porter erhält 2009 den Ehrendoktor

"Irokesen-Häuptlinge des 13. Jahrhunderts lieferten den Gründungsvätern der Vereinigten Staaten von Amerika die grundlegenden Ideen demokratischer Regierung. Die Verfassung der Haudenosaunee-Völker, das Große Gesetz des Friedens genannt, wurde auf der verfassunggebenden Versammlung der Amerikaner verlesen. Das Konzept föderalistischer Einheit, die Gewaltenteilung, der Oberste Gerichtshof und selbst parlamentarische Verhaltensregeln wurden von indianischen Führern die Staatsmänner Benjamin Franklin, Thomas Paine, Thomas Jefferson u. a. gelehrt."

Welch einmalige Chance des Voneinanderlernens wurde anschließend verpaßt. Die USA sähen heute gewiß anders aus.   

Die Irokesenvölker besaßen eine relativ hoch entwickelte Landwirtschaft und siedelten in palisadenbewehrten Dörfern. Diese bestanden aus bis zu 50 Langhäusern, von denen jedes von einer größeren Zahl Familien eines Clans bewohnt wurde. Wie wichtig die Landwirtschaft für die Irokesenvölker gewesen war, geht schon aus den Namen vieler ihrer Feste hervor. Da gab es das Ahorn-Fest im Frühjahr, das Pflanzfest, damit der Große Geist die Samenkörner segnen möge, dann das Erdbeerfest, gefolgt vom Fest der noch unreifen, süßen Maiskolben und im Herbst das allgemeine Erntedankfest.

Noch heute kann man in Akwesasne viele gepflegte Gärten sehen. Der schönste gehörte Tom Porter, vielleicht, weil er als Chief ein Beispiel geben möchte. Stolz zeigte er mir die Beete mit den verschiedenen Maissorten, mit Bohnen, Kürbis, Melonen, Kartoffeln, Kohl, Rhabarber, Gurken, Tomaten und Tabak, der ausschließlich bei rituellen Anlässen geraucht wird. Aber Toms besondre Liebe galt, so glaube ich, seinen zehn Pferden, schöne nervöse Reitpferde und ein paar schwere Hannovraner. Nonchalant kamen sie herbeigeschlendert, um ihn zu begrüßen, um sich gleich wieder dem saftigen Gras am Flußufer zu widmen.

Später in der warmen Stube - die Abende des Indian Sommer, des  Indianischen- oder Altweibersommers, wie wir sagen, waren schon kühl - stellte Toms liebenswürdige und reizende Frau die wunderbarsten, süßesten Maiskolben frisch aus dem Garten auf den Tisch, die ich je gegessen habe.

Auch die Mohawk waren Opfer der amerikanischen Ausrottungs-Politik. Um die Jahrhundertwende zählte man gerade noch 1500 Mohawk, zusammengedrängt in einem winzigen Reservat des Staates New York, den sie einst ganz alleine bewohnt hatten. Heute leben zwar wieder 8000 Mohawk in Akvesasne, aber ihre Zukunft sieht keineswegs rosig aus. Mit Doug George, dem Chefredakteur der 'Akwesasne Notes', der einzigen unabhängigen und überregionalen indianischen Zeitschrift, unterhielt ich mich über aktuelle Probleme und einige Uberlebensfragen.

Doug George und seine Frau, die Sängerin Joanne Shenandoah

Zuerst wollte ich wissen, was der Chefredakteur der'Akwesasne Notes' auf der Unfallnotdienststation mache. Er antwortete:

"Außer meiner Arbeit bei der Zeitschrift mache ich wie viele andere Leute im Reservat auch andere Dinge auf freiwilliger Basis. Seit drei Jahren habe ich den Nachtbereitschaftsdienst auf unserer Unfallstation hier, die 1981 eingerichtet wurde. Dieser Notdienst versorgt unsere Gemeinde mit ärztlicher Hilfe. Früher konnte man oft lange warten, bis eine Ambulanz aus einem amerikanischen Krankenhaus zu uns kam. Deswegen haben wir für 50 000 US $ diese Ambulanz hier gekauft mit überwiegend weiblicher Besetzung und unter weiblicher Leitung. Es sind alles von uns ausgebildete Mohawk. Das Beispiel mit der weiblichen Ambulanz-Besatzung macht übrigens auch im Staat New York Schule. Das gab es vorher nicht. Für die Mohawk ist das selbstverständlich, denn in der traditionellen Mohawk-Gesellschaft nahmen Frauen oft Führungspositionen ein.

Ich fragte:     Was gibt es sonst für Aktivitäten?

Doug: "Es gibt sehr viele Tätigkeiten auf freiwilliger Basis, um  aus Akwesasne einen besseren Ort zum Leben und für das Heranwachsen unserer Kinder zu machen. Das ist etwas, was unseren Ort so interessant und so verschieden von anderen Orten macht - die Leute kümmern sich wirklich um die Gemeinschaft. Du weißt sicher, dass die Mohawk immer sehr sportlich waren. 1984 holte ein Mohawk mit seinem Kanu auf der Olympiade die Goldmedaille. Sport ist aber nur Ausdruck unserer Kultur, in der es immer wichtig war, gesund und stark zu sein. Vor einiger Zeit haben wir gefunden, daß unsere Leute nicht so gesund und stark sind, wie sie sein könnten. Und zwar weil ihnen all die früheren Aktivitäten wie Fischen, Jagen, Holzfällen fehlen. Und die Änderung der Ernährung hat eine erhebliche Gesundheits-Verschlechterung bewirkt. Deswegen haben wir mit dem Bau eines Sportkomplexes begonnen, wo die Leute Ballspiele machen können, Gymnastik, Schwimmen usw.

Wir glauben, daß unser Volk großartige Fähigkeiten auf allen Gebieten besitzt. Wir hoffen auch, daß unsere Leute in anderen Bereichen Experten werden. Medizin z.B., das ist sehr wichtig. In den vergangenen Jahren haben wir gesehen, wie unsere Leute zu Umwelttechnikern ausgebildet wurden. Wir brauchen Leute mit Fachwissen, wir sind darauf angewiesen und sie haben bewiesen, daß sie Verantwortung tragen können.

Außerdem haben wir für unsere Alten ein Heim gebaut, wo von Freiwilligen für sie gesorgt wird. Auch die Radiostation wird von Freiwilligen bemannt. Sie wird seit 1984 betrieben und dient uns auch als Kommunikationsnetz. Sie hat die Sendelizenz von der Mohawk-Nation erhalten und von der amerikanischen oder kanadischen Regierung. Es ist daher die einzige wirklich unabhängige Radiostation in ganz Nordamerika. Sie sendet auch täglich einige Stunden in der Mohawk-Sprache. Das alles wird auf freiwilliger Basis gemacht. Wenn unser Volk an etwas glaubt, dann ist es bereit, große Opfer zu bringen, um es zu verwirklichen.

Ich meinte: "Das heißt doch aber, daß alle diese Leute, die freiwillig arbeiten, irgendwo ihr Geld herbekommen müssen. Was ist dein Job?"

Doug: "Ich bin der Herausgeber der 'Akwesasne Notes' und der 'Indian Time'. Die 'Akwesasne Notes' wurden 1968 von traditionellen Leuten gestartet, weil wir glaubten, daß es wichtig sei, mit der Welt draußen zu kommunizieren. Und wir glaubten auch, daß die Indianer unbedingt eine Stimme in der internationalen Gemeinschaft haben müssten. Und 1986 wurde ich mit der Herausgabe beauftragt."

Man sollt noch ergänzen, wie die Zeitschrift entstanden ist. 1968, im Zuge der weltweiten Studentendemonstrationen, nahmen auch viele Minderheiten den Kampf für ihre Rechte auf, u. a. die Schwarzen und Indianer in den USA. In Akwesasne kämpften die traditionalistischen Indianer gegen die Einschränkung ihrer Autonomie und für die volle Herstellung ihrer Souveränität. An einer Fußgängerbrücke in ihrer ganzen Länge stand die Parole 'This is Indian Land' - dies ist indianischer Boden - und Wandzeitungen wurden überall angeschlagen, aus denen dann die 'Akwesasne Notes' hervorgingen.

Doug fuhr fort: "1983 wurde die 'Indian Time' gegründet, weil wir merkten, dass die 'Akwesasne Notes' in unserem Ort nicht Fuß fasste. Der Grund war und ist, daß die Leute mit Stil und Inhalt ihre Schwierigkeiten hatten. Die 'Indian Time' befasst sich mit den Problemen dieses Ortes wie Erziehung, Sport, Hochzeiten, Unfällen und vor allem kommunalen Fragen. Sie hat gegenwärtig eine Auflage von 1350 Explaren."

Ich: "Doug, kannst du Näheres über den Brandanschlag heute vor einem Jahr sagen? Weiß man Genaueres über die Schuldigen?"

Doug: "Die Leute in Deutschland, die die 'Akwesasne Notges' lesen, haben sicherlich bemerkt, dass, seit ich sie vor 2 1/2 Jahren übernommen habe, die Zeitschrift mehr engagierten Journalismus und weniger Philosophie enthält. Der Grund ist, dass es so viele brennende Probleme gibt, wofür wir einfach die Fakten liefern müssen. Und außerdem sind wir ganz entschieden dafür, unsere Mohawk als menschliche Wesen zu portraitieren und nicht als Heilige.

Es gibt eine Menge Probleme hier, eine Menge Korruption und viele kontroverse Fragen. Unsere Zeitschrift hat über einige dieser Fragen berichtet. Sie ist deswegen von den 'business-Leuten' scharf kritisiert und boykottiert worden. Wenn du dir Akwesasne auf der Karte anschaust, siehst du, dass es von der US-kanadischon Grenze mitten durchschnitten ist. Und unser Reservat hat keine Zollgrenzen, außer einem Zollposten auf kanadischer Seite. Das macht es einfach, Dinge nach Kanada oder in die USA hinein- oder herauszuschmuggeln. Und das tun einige Leute und wir berichteten darüber. Wir haben das Problem des Schmuggels und des Glücksspiels aufgegriffen und haben uns dagegen ausgesprochen."

In der Tat sind die zahllosen Bingohallen - die größte soll 1750 Plätze haben - längs der Straße, die gleichzeitig die vielbefahrene Nationalstraße 37 ist, nicht zu übersehen. Sie sind ein Erbe aus der Zeit, als die Führung der Indianer noch von der amerikanischen Regierung eingesetzt wurde. Im Staat New York ist das Glücksspiel verboten. Deshalb wichen clevere Geschäftsleute auf indianisches Territorium aus und sie konnten die damaligen Chiefs mit dem Argument gewinnen, daß Geld in die Gemeindekassen fließen würde.

Doug: "Seit Jahren wird nun von der neuen Führung, die gemäß der indianischen Tradition demokratisch gewählt wurde, gegen das Glücksspiel ein erbitterter Kampf geführt. Sie aber werden von den meisten Amerikanern als altmodische Traditionalisten angesehen im Gegensatz zu jenen anderen Indianern, die modern und aufgeschlossen seien. Nun, für unseren Kampf haben wir am 9. Januar 1988 die Konsequenzen tragen müssen. Jemand aus unserer Gemeinde hat unser Büro angezündet, wobei viel zerstört worden ist. Wir haben bisher nur einen Verdacht, aber keine Beweise.

Das hat unsere Arbeit insofern beeinträchtigt, als wir die Zeitschrift teilweise nicht an die Abonnenten liefern und Briefe nicht beantworten konnten, weil Teile des Adressenmaterials und des Archivs gelitten hatten. Aber wir machten weiter, auch wenn die Qualität anfangs nicht so gut war. Und wir haben überlebt. Komplikationen gab es, weil das Feuer einigen unserer Mitarbeiter den Mut genommen hatte. Aber ein Feuer kann unsere Arbeit nicht aufhalten!

Denn unsere Daseinsberechtigung ist offenbar: Es ist die einzige Zeitschrift, die im Besitz von traditionalistischen Indianern ist, von ihnen unterhalten und produziert wird. Wir haben die Verpflichtung, die Menschen zu informieren und viele Menschen erwarten das von uns. Wir stehen jetzt im 20. Jahr unseres Erscheinens und wir hoffen, daß wir auch die nächsten 20 oder 50 Jahre überleben waden. Demnächst werden wir umziehen, aus unseren provisorischen Räumen in das neue Kommunikationszentrum zusammen mit der Radiostation. Dort werden wir endlich genug Platz haben. Und die bisherige Entwicklung zeigt, daß unsere Erwartungen,  unser Angebot zu verbessern, gerechtfertigt sind."

Ich frage ihn: Kannst du die Widersprüche in Akwesasne etwas näher beschreiben?

Doug antwortete: "Akwesasne ist ein dynamischer Ort. Und die Mohawk sind kreative Leute. Sie sind Überlebenskünstler. Logischerweise, wie unser Chief Tom Porter gesagt hat, dürfte es die Mohawk als eigenständiges Volk mit einer eigenen Kultur gar nicht mehr geben, wegen des enormen Drucks, dem es seitens der westlichen Systeme ausgesetzt war. Aber die Mohawk sind entschlossene Leute, im guten wie im schlechten.
In den vergangenen Jahrzehnten wurden einige unserer Leute durch fremde Interessen manipuliert. Sie brachten das Bingo herein, den Großhandel mit Treibstoffprodukten und Tabak, indem sie unseren gesetzlichen Sonderstatus ausnutzten, keine Bücher führten und niemandem Rechenschaft zu geben glaubten.
Wir sind dagegen aufgetreten, weil wir unseren autonomen Status gefährdet sehen.
Wer Akwesasne besucht, kann diese und viele andere Dinge sehen, die zu unserer Kultur in Widerspruch stehen."

Ich fragte ihn: Bist du mit Chief Tom Porter auch der Meinung, daß die Geschäftemacherei, legal oder illegal, hauptsächlich von Halbblutindianern betrieben wird?

Doug: "Ich glaube nicht, daß es eine Frage der Genetik ist. Ich glaube, es ist eine Frage der individuellen Moral, eine Frage der Familie und der Erziehung und der religiösen Einstellung. Ich glaube nicht, dass es damit zu tun hat, ob Leute reinrassig oder 9/10 Mohawk, 3/4 oder 50 % Mohawk sind. Es gibt gute Leute unter allen diesen Abstufungen. Und es hat auch damit zu tun, dass die Kanadier und Amerikaner die Autoritäten in unseren Gesellschaften untergraben und zerschlagen haben, um uns ihr System aufzuzwingen, was zu einer Art Vakuum geführt hat.
Deswegen haben einige Leute, als sich die Gelegenheit bot, Geld zu machen, einfach zugegriffen, ohne irgendjemandem verantwortlich zu sein oder Rechenschaft abzulegen. Früher konnten eben auch viele Leute noch vom Fischfang, von der Jagd und dem Ackerbau leben.
Durch die Umweltzerstörung wurde ihnen diese Möglichkeit genommen. Sie wurden in den Geldkreislauf hineingezwungen, mussten sich Jobs suchen und wurden vom Geld abhängig. Und als die Menschen ihre Bindung an das Land verloren, änderten sie sich physisch, änderten ihre Lebens- und Essensgewohnheiten. Und in den 50-er, 60-er und 70-er Jahren glaubten viele Leute hier, auf die Mohawk-Kultur verzichten zu können. Man strebte nach einer College-Erziehung, um sich besser in die amerikanische Gesellschaft integrieren zu können.
Später merkte man, daß dies ein Fehler war. Man muss erst fest in der eigenen Kultur und Sprache verankert sein, bevor man sich der westlichen Gesellschaft nähern kann. Wer nicht weiß, wer er ist und stolz auf seine Herkunft ist, der geht in der fremden Gesellschaft unter. Für mich ist es unfassbar, dass über mehrere Generationen hinweg unsere Erziehung in fremden Händen lag. Das hat der Mohawk-Gesellschaft tiefe Wunden zugefügt, unter denen sie heute noch leidet. Viele Leute müssen erst wieder lernen, daß nicht alle Probleme mit Dollars gelöst werden können. Wichtiger als Geld ist die Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber, dem eigenen Volk gegenüber, ein Wert, der ursprünglich tief in der Mohawk-Kultur verankert war. Die Geisteshaltung ist wichtiger als Geld; die Hingabe an etwas, das größer ist als man selbst."

Ich warf ein: "Das Stichwort Umweltzerstörung ist gefallen, das ihr in letzter Zeit verstärkt in eurer Zeitschrift behandelt habt. Dies wiederum hat ja auch mit der Verpflichtung den jetzigen und künftigen Generationen gegenüber zu tun."

Doug: "Ja, ich hatte das Gefühl, daß es so viele brennende Fragen gibt. Wenn die Yanomami-Indianer in Südamerika systematisch ausgerottet werden, dann muss man darüber berichten. Es gibt so viele schreckliche Dinge, so viele Probleme, dass jetzt keine Zeit für Philosophie ist. Und die Umweltprobleme gehören heute zu den dringendsten Fragen, die keine nationalen Grenzen kennen. Die multinationalen Konzerne haben keine Heimat, sie fühlen sich keinem Land verpflichtet, sondern nur dem Profit, das kann Deutschland sein, Panama oder die Bahamas, das ist für sie unwichtig. Sie gehen dorthin, wo sie das meiste Geld machen können, wo es öie geringsten Auflagen und Restriktionen gibt.
Wir haben herausgefunden, daß diese Leute der Umwelt gegenüber in krimineller Weise unverantwortlich handeln. Wir arbeiten mit Organisationen zusammen wie z.B. Greenpeace, um das Augenmerk der Öffentlichkeit auf das Ausmaß ihrer Unverantwortlichkeit zu lenken. Und hier in Akwesasne können die Leute, die unsere Zeitschrift lesen, gut verstehen - sicherlich auch die Leute in Europa - was es bedeutet, an einem Ort zu leben, der durch Abwässer, durch Giftstoffe und gründlich verdreckte Luft so verseucht ist.
Es ist fast unvorstellbar, daß unsere Kinder hier leben können. Sie dürften nicht gezwungen sein, an solchen Orten zu leben. Aber wir können nicht einfach irgendwo anders hingehen. Für die Mohawk gibt es keinen anderen Ort."

Ich bat ihn, einige der Hauptverantwortlichen zu nennen.

Doug:  "In der unmittelbaren Nachbarschaft des Reservats gibt es General Motors, CIL, Domtar, Alcoa, Reynolds. Sie kamen teilweise vor mehreren Generationen her, weil es billige Arbeitskräfte gab, weil es keinerlei Restriktionen gab und weil es billige Energie gab. Sie alle arbeiten mit viel Chemie und die Abfälle leiten sie einfach in den Fluss. Die jüngsten Untersuchungen ergaben 4OO Giftstoffe in unserem Flusswasser. Gewiß kommen manche dieser Giftstoffe von weit her, von Detroit, Cleveland, Chicago, aber allein in dieser Gegend werden so viele Gifte an Wasser und Luft abgegeben, daß den Kindern manchmal , aus Furcht vor Hauterkrankungen verboten werden muss, draußen zu spielen."

Ich warf ein: "Einen Moment, Doug. Ihr habt in eurer Zeitschrift gerade hierüber einen ausgezeichneten Artikel veröffentlicht, den ich den Hörern als Beispiel eurer Arbeit nicht vorenthalten möchte. Ich zitiere:

Seit vierzig Jahren sind die Großen Seen und ihr Einzugsgebiet, die ein Fünftel der Süßwasservorräte der Erde speichern, als Mülldeponie für alle von der Gesellschaft erzeugten Gifte missbraucht worden. Die Liste enthält Quecksilber und Blei, Lösemittel wie Benzen, Trichloräthylen und Kohlenstofftetrachlorid; Pestizide wie DDT, Endrin und Kirex sowie eine lange Reihe von industriellen Nebenprodukten wie Dioxin und Furan. Sie fließen aus tausenden Abflussrohren und Rieselfeldern, sickern aus Mülldeponien und Reinigungsanlagen, quellen aus Schornsteinen über Millionen Hektar mit Städten und Ackerland.

Über 800 Chemikalien sind bislang in den Gewässern und Ablagerungen der Großen Seen identifiziert worden. Viele von ihnen erzeugen Krebs und Geburtsfehler, schädigen das Nerven- und Immunsystem des Menschen.

Und natürlich wirken diese chemischen Stoffe nicht isoliert, sondern, in Verbindung mit vielen anderen, wodurch das Verständnis ihrer Effekte erschwert wird. Zu den dokumentierten Auswirkungen der Giftstoffe in den Großen Seen gehören:

1. Manche Frauen haben sehr hohe PCB-Werte in ihrer Brustmilch. Ihre Kinder sind bei der Geburt kleiner und lernen langsamer als normale Kinder.
2.Das Fleisch vieler Fischarten ist von vielen Giften verseucht, von PCB bis hin zu Schwermetallen und Pestiziden. Manche Fische bekommen Krebs und andere Krankheiten in alarmierender Weise.
3.Fischfressende Vögel werden in manchen Gegenden besonders häufig mitMissbildungen wie Kreuzschnabel und Klumpfüßen geboren.
4.Die Zahl der Beluga-Wale sinkt, obwohl sie als bedrohte Art geschützt sind. Sie leben im St. Lorenzstrom und im Osten der Seen. In toten Beluga-Walen wurden hohe Raten von Giftstogffen im Gewebe gefunden, wurden Blasenkrebs und Lungenkrankheiten festgestellt.

In den vergangenen Jahren hat die Vergiftung der Großen Seen die Öffentlichkeit sehr stark wachgerüttelt. Auf lokaler Ebene nehmen Bewohner von  42 Gemeinden im 2000 km langen Seengebiet an Rettungsaktionen teil, um verdreckte Flüsse, Häfen und Müllkippen zu säubern. Auf internationaler Ebene wurde zwischen Kanada und den USA ein umfassendes, visionäres Abkommen geschlossen, das die 'vollständige Beseitigung' aller Giftstoffe vorsieht.
Aber zwischen diesen beiden Ebenen liegt ein tiefer Abgrund. Die Regierungen auf Provinz- und Bundesebene ignorieren das Abkommen und obendrein werden die Bürgerinitiativen bei ihrer Arbeit der Abfallbeseitigung massiv behindert."

Doug fährt fort: "Unser Volk war es, das diese Dinge ans Licht gebracht hat, unser Volk war es, das diese Unternehmen gezwungen hat, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Obwohl sie das ganze Geld haben, und alles, was wir haben, ist nur eine Zeitung. Gewiß, jetzt haben wir auch eine kleine Rundfunkstation. Nichtsdestoweniger waren es unsere Leute, die diese Umweltverseuchung aufdeckten, ihr Ausmaß erforschten, die den Staat und die kanadische Regierung zwangen, endlich zuzugeben, daß sie die  Umwelt verseuchten und mit Sanierungsarbeiten zu beginnen, was sehr, sehr viele Dollars kosten wird."

Ich ergänzte: "Dazu sollte man sagen, wie ihr in den  'Akwesasne Notes' geschrieben habt, dass Reynolds erwiesenermaßen seit 20 Jahren wissentlich die Umwelt vergiftet hat. Lange haben sie eure Anklagen ignoriert."

Doug: "Ja, anfangs hörte niemand auf uns. Dann, haben wir unsere eigenen Leute ausgebildet und schließlich kam auch Greenpeace uns zu Hilfe. Aber es ist fraglich, ob unsere Generation. noch eine saubere Umwelt erleben wird. Ich bezweifle es."

Vielleicht hat Doug Recht. Reynolds ist für uns Hamburger ja ein alter Bekannter. Eins muss man sagen: Die Reynoldsbosse machen zumindest keine Rassenunterschiede. Sie lassen ihre Gifte auf Deutsche, Kanadier, Indianer und Amerikaner gleichermaßen herabregnen. Und wenn es ihnen wirklich zu brenzlig wird, dann drohen sie mit ihrem Fortgang, was man in anderem Zusammenhang als Erpressung zu bezeichnen pflegt.

Doug: " Du weißt, dass die Amerikaner und die Kanadier diesen kindischen Glauben haben, dass sie überall herumspielen können und alles versauen können, ohne dafür bezahlen zu müssen. Und wenn es ihnen zu dreckig wird, dann gehen sie einfach woanders hin.
Aber es muss saniert werden. Die Umwelt muss gesäubert werden. Das ist ein viel dringlicheres Problem als der atomare Krieg. Dazu müssen universale Anstrengungen unternommen werden. Die Vereinten Nationen müssen ein Umweltbüro einrichten, das sich speziell mit Sanierung befaßt. Die UNO hat die Pocken besiegt und jetzt muss sie sich dem Gift in der Umwelt widmen und die Verursacher müssen zahlen. Und das muss in der ganzen Welt geschehen.
Wenn in Deutschland Chemikalien und Gifte produziert werden, dann stammen die Rohstoffe vielleicht gar nicht aus Deutschland. Die kommen vielleicht aus einem indianischen Reservat in Montana oder aus Arizona, wo Uranbergbau betrieben wird. Ihr habt doch so viele Atomkraftwerke und wo kommt das Uran her? Es kommt vielleicht aus Saskatchwan von indianischem Territorium.
Und die deutschen Zeitungen? Wo werden die Bäume abgeholzt? Sie werden in Ontario geschlagen und gegenüber von Akwesasne auf kanadischer Seite wird der Zellstoff fabriziert. Und die Schiffe, womit das Zeug nach Deutschland transportiert wird - das Material für die Schiffe kommt vielleicht irgendwoher aus Afrika und das Öl aus Saudiarabien - sie kommen hierher, verdrecken unser Wasser, um das Zeitungspapier nach Deutschland zu bringen.
Es hängt heute alles zusammen. Es gibt keine Nationalstaaten mehr, was die Umweltvergiftung angeht. Die Menschen müssen einsichtiger werden und die Regierungen müssen zur Einsicht gezwungen werden."

Ich pflichtete ihm bei: "Genau, wenn die Regierungen nicht vom Volk unter Druck gesetzt werden, dann passiert gar nichts. Noch etwas: Ich konnte hier beobachten, wie sehr auch die Mohawk dem american way of life schon verfallen sind. Sie benutzen Einweggeschirr, sie fahren die riesigen amerikanischen Schlitten, die sie außerdem bei 35 Grad Warmlaufen lassen ..."

Doug: "Ja, die Indianer, die ihrem Erbe verpflichtet sind, müssen noch härter arbeiten, um den Leuten das richtige Verhältnis des Menschen zur Natur klarzumachen, um die Sorge um die Natur zum Bestandteil auch des persönlichen Lebens zu machen. Dafür haben die Indianer bestimmte Methoden. Es gibt immer noch die alten Lieder, die Namen und es gibt noch die Philosophie, die darauf hinausläuft, eine Sensibilität für die Natur zu erzeugen.
Auch wenn es Leute bei uns gegeben hat, die sich korrumpieren ließen, die Kompromisse eingingen, so waren die Mohawk doch die ersten hier, die diese Ideen wieder aufgriffen und ihre Verwirklichung, so fern sie auch liegen mag, in Angriff nahmen.
Und es ist unsere Aufgabe, durch die 'Akwesasne Notes', durch unsere Radiostation mit den Völkern der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Mit Deutschland haben wir seit langem gute Verbindungen, sowohl persönliche als auch politische. Wir sind mit Vertretern der Grünen zusammengetroffen, deren Umweltprogramm ausgezeichnet ist. Wir glauben, die Grünen haben ihre Plattform von den Indianern übernommen. Was sie über die Umwelt sagen, das ist genau das, was wir seit Jahrhunderten sagen. Das ist das Wesentliche unserer Kultur und das sehen wohl auch immer mehr Menschen ein, wenn sie erst einmal den Quatsch von Karl May mit seinem Winnetou und Old Shatterhand vergessen haben.
Und eines Tages wird die alte Mohawk-Prophezeiung Wahrheit werden, die uns sagt, daß nach einer Zeit der Reinigung, die kommen wird, es keine Nationalitäten mehr geben wird, keine Deutschen, keine Mohawk, keine Malaysier, sondern nur noch das Volk der Menschen. So ist es uns prophezeit worden.
Wir werden mit unseren begrenzten Hilfsmitteln daran arbeiten, um dies zu verwirklichen."

Vielen Dank, Doug. Nun dies ist eine Vision, die nicht allein bei den Mohawk zu finden ist, sondern die so alt wie die Menschheit ist.
Sie findet einen wunderbaren Ausdruck in dem 200 Jahre alten Gedicht von Robert Burnes "Trotz alledem", das'von Freiligrath 1848 während der missglückten deutschen Revolution übersetzt wurde:

That man to man, the world o'ver
shall brothers be for a'that

Es kommt dazu, daß in der ganzen Welt
der Mensch dem Menschen Bruder ist, trotz alledem.


Fußnoten:

Hier die Wiki-Eintragung über die Mohawks:http://de.wikipedia.org/wiki/Mohawk


Zu meiner Freude fand ich, dass Tom Porter noch lebt. Hier ist seine Seite mit all seinen Büchern, Verdiensten und Auszeichnungen. Und hier ist eine wirklich großartige Seite mit und von ihm mit einer Menge Videos, wo er auch über seine Großmutter berichtet (das Buch kann man bestellen).
Und auch Doug George lebt. Hier ist seine Seite mit Büchern und Artikeln aus den 'Akwesasne Notes' und 'Indian Time'
Angaben zu der Zeitschrift 'Akwesasne Notes', die 1996 das Zeitliche gesegnet hat finden sich hier.
Und noch eine lustige Seite über Mohawk-Frisuren.

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